Viññāṇa: Bewusstsein und »(programmierte)Wohlerfahrungs-Suche«

Andreas Hubig

Viññāṇa: Bewusstsein und »(programmierte)Wohlerfahrungs-Suche«

Grundsätzliche Schwierigkeiten bei der Übersetzung

In den letzten hundert Jahren wurden alle buddhistischen Schriften des Pāli-Kanons ins Englische und sehr viele auch ins Deutsche übersetzt. Die meisten Pāli-Begriffe haben inzwischen eine feste Zuordnung bekommen und es herrscht allgemein Konsens über ihre Bedeutung, unabhängig davon, ob die eigentliche Bedeutung genau wiedergegeben wird oder eher nicht. Einigkeit herrscht auch darüber, dass manche Begriffe im Pāli nur recht unbefriedigende Übersetzungen erhalten haben, wie es z. B. bei dem Begriff Dukkha („Leiden“; „Nicht-Hinreichen“; „unbefriedigende Natur aller Phänomene“; „das, was nicht trägt“ usw.), der Fall ist. Tatsache ist, dass Buddhas Lehre auf Erfahrung beruht und durch Darstellung in Schrift und Sprache nur unbefriedigend wiedergegeben werden kann. Sie wird so in ein Korsett gezwängt und kann den Leser und noch viel mehr den, der dem Edlen Achtfachen Pfad folgen will, durch missverständliche oder unrealistische und euphemistische Übersetzungen in falsche Bahnen lenken. Ziel des historischen Buddha und seiner Nachfolger war und ist die unmittelbare Erfahrung sowie die Abkehr von Konzepten und Begrifflichkeit. Man muss bedenken, dass in jeder Übersetzung, egal wie sie sich an den Urtext anlehnt, immer etwas vom Geist des Übersetzers steckt. Deswegen existiert auch keine in allen Einzelheiten unbedingt richtige Übersetzung. Einer der wichtigsten Gründe für die ungenaue oder z. T. verzerrte Überlieferung der alten Texte ist, dass die Lehre des Buddha bis zur ersten schriftlichen Fixierung, ca. dreihundert Jahre nach seinem Tod, von den Mönchen auswendig gelernt wurden. Später war es der Einfluss der Pāli-Kommentare und deren Verfasser, der bei den Übersetzungen eine Rolle spielte. Die Probleme heutiger Übersetzungen haben mehr oder weniger mit dem teilweise unbewussten Einfluss von zweitausend Jahren christlicher Kultur zu tun. Vor allem muss jede Übersetzung dann unzulänglich sein, wenn sich der Urtext, wie es im Pāli-Kanon meist der Fall ist, durch sprachliche Schönheit, Klangfülle und poetischen Schwung auszeichnet, die sich in einer anderen Sprache meistens nicht angemessen wiedergeben lassen . Keine Übersetzung kann das Original ersetzen, schon deshalb nicht, weil sehr häufig die Wörter der einen Sprache sich in ihrer Bedeutung nicht voll mit denen einer anderen decken und der Satzbau der einen Sprache in einer anderen nicht genau nachgebildet werden kann. Letztlich ist es angebracht, die Arbeiten mehrerer Übersetzer zu studieren, um dann von einer Gesamtschau aus zur Essenz der Buddha-Lehre vorzustoßen.
Dies lässt sich auch an dem Begriff Viññāṇa und daran, wie und auf welche Weise sich die verschiedenen Übersetzer damit auseinandergesetzt haben, aufzeigen.

Die gebräuchliche Übersetzung von Viññāṇa ist „Bewusstsein“ und damit befinden wir uns bereits mitten im Dilemma. Wie wir sehen werden, gibt es nicht nur im Pāli-Kanon mehrere Bedeutungen des Begriffes Viññāṇa. Auch im Westen ist der Bewusstseins-Begriff nicht endgültig definiert. Man kann behaupten, dass im Moment genau so viele Definitionen von „Bewusstsein“ existieren, wie es Bewusstseins-forscher gibt: Die einen sehen Bewusstsein als ein ausschließlich geistiges Phänomen an, das naturwissenschaftlichem Experimentieren niemals zugänglich sein wird. Andere dagegen betrachten es als eine biologische Eigenschaft, die prinzipiell durch das Zusammenwirken von Nervenzellen im Gehirn erklärt werden kann. Ganz optimistische Forscher glauben gar, Bewusstsein lasse sich in nicht all zu ferner Zukunft künstlich im Computer erzeugen.

Wortanalyse des Viññāṇa-Begriffes (Laut PTS-Dictionary)
Viññāṇa, n. „Bewusstsein“ (mentale Qualität, welche die rein körperliche Existenz überdauert und nach dem Tode des menschlichen Körpers ein Entstehungsfaktor für die Wiedergeburt einer neuen Existenz ist) ; geistige Aktivität; geistige Tendenzen, die in Abhängigkeit mit den Sinnesorganen entstehen: Die Zuneigung zu angenehmen Dingen/Erfahrungen, die Abneigung gegnüber unangenehmen und Ignoranz gegenüber neutralen Dingen/Erfahrungen. In einem Sutta (S 11.95) wird Viññāṇa als Synonym für citta (Geist) und mano, im Abhidhamma als „Bewusstseinszustand“, „Bewusstseinsmoment“, im Kommentar des Visuddhi Magga bisweilen als „Unterbewusstsein“ bezeichnet. Viññāṇa wird als Gegenpart zu kāya (Gruppe, Anhäufung) als der physische Körper, genannt.
Vi , (Präfix) „zwei“
(als Konnotation von Dualität und Getrenntsein) geteilt; auseinander, getrennt)
Ñāna, n; Wissen, Einsicht (Syn. für „paññā“-Weisheit)
Vijānāti, (vi+ñā) kennen, verstehen, erfahren.

Viññāṇa ist grammatikalisch gesehen ein Substantiv. Man muss das Wort Viññāṇa im Pāli-Kanon aber eher als Verb verstehen. An dieser Stelle zeigt sich erneut die inhärente Unvollkommenheit von Begrifflichkeit. Wir wissen, dass es sich bei „Bewusstsein“ eigentlich um ein „Bewusst-werden“ handelt. Im Pāli sind die beiden Wörter Viññāṇa (Substantiv) und das Verb Vijānāti (erfahren, verstehen) miteinander verwandt. Trotzdem sind die beiden Wörter nicht deckungsgleich in ihrer Bedeutung. Die Konsequenz Viññāṇa = Erfahrung im wörtlichen Sinne wäre also falsch. Das wird im folgenden Zitat anschaulich:
Sāriputta, der Mahā Kotthita in M. 43 auf eine entsprechende Frage antwortet, erklärt:

„,Bewusstsein, Bewusstsein’ so, sagt man Freund. Worauf bezieht es sich, wenn man von ,Bewusstsein’ spricht?“ - „,Es erfährt, es erfährt’ , Freund, deshalb spricht man von ,Bewusstsein’ Was erfährt es? Es erfährt: ,Angenehm’; es erfährt: ,Schmerzhaft’; es erfährt: ,Weder schmerzhaft-noch-angenehm’. ,Es erfährt, es erfährt’, Freund, deshalb spricht man von ,Bewusstsein’.“

Stellung und Funktion des Viññāṇa -Begriffes im buddhistischen Kanon

Im Pāli-Kanon ist der Viññāṇa -Begriff Bestandteil folgender Kategorien:

1. als Viññāṇa -kkhandha:der fünf Daseinsgruppen, Anhäufungen;
2. als Dhātu/Element: in der Gruppe der 6 Elemente ;
3. als dritten Teil des Konditionalnexus der „Bedingten Entstehung“ (paṭicca-samuppāda) ;
4. als Āhāra/„Nahrung“: die vier Arten von Nahrung und
5. als Kāya/Körper (eig. „Gruppe“, „Haufen“) d.h. vierten Bestandteil des nāma-kāya, der Geist-Gruppe

Zu 1) Das Viññāṇa -kkhandha innerhalb der fünf „Daseinsgruppen“ (Khandhas)

Die fünf Daseinsgruppen bestehen aus folgenden Komponenten: Der physische Körper, die Gefühlsgruppe, die Wahrnehmungsgruppe, die Gruppe der Geistesformationen und die Bewusstseinsgruppe. Diese fünf Gruppen beschreiben im Grunde genau das, was wir für unsere individuelle Person halten und was in Wirklichkeit eine Ansammlung von sich ständig verändernden Faktoren und Gruppen ist, die wiederum aus unzähligen sich ständig verändernden Teilen bestehen. Die fünf Daseinsgruppen bilden aber weder einzeln, noch zusammengenommen eine in sich abgeschlossene, reale Ich-Einheit oder Persönlichkeit. Die Bewusstseinsgruppe (Viññāṇa-kkhandha) bildet die fünfte und letzte Komponente. Viññāṇa, das Bewusstsein, steht sowohl für das grundlegende Gewahrsein von einem, mit den sechs Sinnen- den fünf körperlichen Sinnen und dem Geist, zu erfassenden Objekt als auch für die Unterscheidung der fundamentalen Aspekte oder Teile dieses Objekts.

Zu 2) Viññāṇa als „Element“ (Dhātu)

In M.140 wird die Gruppe der 6 Elemente (Dhātu) beschrieben. Sie besteht aus den Eigenschaften der vier Grundelemente Feuer, Wasser, Erde und Wind, hier verstanden als Temperatur, Fließen/Kohäsion, Weiches/Festes und Flüchtiges und zusätzlich dem Raum- und Bewusstseinselement.

Zu 3) Viññāṇa innerhalb des „Bedingten Entstehens“ (Paṭicca-samuppāda)

In der Kette der Bedingten Entstehung (paṭicca-samuppāda), die aus zwölf Gliedern besteht, steht Viññāṇa an dritter Stelle. Viññāṇa wird durch die Geistesformationen (sa ṅkhāras) oder Tatabsichten konditioniert und ist Bedingung zum Entstehen der nächsten Existenz (nāma-rūpa). Die Tatabsichten (früher auch als Karmaformationen bezeichnet) lassen Tendenzen entstehen, die Teil des Bewusstseins werden. Diese Bewusstseinstendenzen überdauern den menschlichen Körper nach seinem Tode und sind der Faktor für den konditionalen Kontakt zur nächsten Daseinsform. Neben den Bewusstseinstendenzen (Viññāṇa) bedingen noch Ei- und Samenzelle die Entstehung eines Embryo. Der terminus technicus für das neue Wesen ist „Name und Körper“(nāma-rūpa) , wobei „Name“ die geistige Komponente und „Körper“ die physischen Komponenten bezeichnet.Viññāṇa darf nicht als Ersatz für die vom Buddha als nichtexistent gelehrte ewige Seele (atta) verstanden werden. Dies zeigt sich beispielsweise im Pāli-Kanon an folgender Stelle:

„An der Voraussetzung Bewusstsein entsteht „Name und Körper“, (d.h. die neue empirische Person), so habe ich gesagt. Das ist so zu verstehen: Wenn nämlich das Bewusstsein (eines Verstorbenen) nicht in den Mutterschoß hinabstiege, würde dann in diesem Mutterschoß „Name und Körper“ entstehen? – Gewiss nicht Herr, (erwidert der angesprochene Mönch Ānanda) D.15, 21

Zu 4) Viññāṇa als „Nahrung“ (Āhāra)

Nahrung im eigentlichen und übertragenden Sinn, also als Grundlage oder Bedingung. Bei der Nahrung wird unterschieden zwischen: 1) Stoffliche Nahrung; 2) Sinneseindruck (phassa) 3) Geistiger Wille (mano-sañcetanā) und 4) Bewusstsein (Viññāṇa). In ihrer Funktion als Nahrung ernährt die stoffliche Nahrung den Körper, der Sinneseindruck ernährt die drei Arten der Gefühle (angenehm, unangenehm und neutral), der geistige Wille (kamma) ernährt die Wiedergeburt und das Bewusstsein ernährt die psycho-physische Gestaltung im Augenblick der Wiedergeburt.

Zu 5) Viññāṇa als „Körper“ (Kāya)

Viññāṇa, hier als geistiger „Körper“ definiert (nāma-kāya, „geistige Gruppe“, im Gegensatz zur „Körperlichkeitsgruppe“, rūpa-kāya), der beim Kontakt zwischen Sinnesorgan und Sinnesobjekt das jeweilige (Sinnes-) Bewusstsein entstehen lässt und somit an körperliche Prozesse gebunden ist. Die Bestandteile der „geistigen Gruppe“ sind: Gefühl, Wahrnehmung, Geistesformationen und Bewusstsein.

Die psychologische Bedeutung von Viññāṇa

Viññāṇa ist ein Bestandteil unserer Persönlichkeit. Die Funktion innerhalb der Daseinsgruppen ist konditional, d. h. es entsteht in Abhängigkeit von den körperlichen Sinnesorganen, den Empfindungen, der Wahrnehmung und den Gestaltungen. Außerdem beeinflusst es wiederum die Entstehungsmuster der anderen Gruppen. Viññāṇa wird nicht als Ding verstanden, sondern als eine geistige Aktivität, als ein Prozess ständig entstehenden und vergehenden Bewusstwerdens. Auch hier gilt: ein „Ding“ Bewusstsein, ein reines Bewusstsein oder ein Bewusstsein ohne Inhalt kann es nicht geben, weil es nicht erfahrbar ist. Viññāṇa ist die erkennende Funktion des Geistes, die immer nur Reaktion auf einen Reiz (ein Objekt) eines der fünf Sinnesorgane und des Geistes ist.
Der holländische Psychologe und Buddhist Han F. de Wit stellt in seinem Buch „Buddhistischer und westlicher Geist“ zwei Bedeutungen des Begriffes Viññāṇa und Bewusstsein innerhalb der buddhistischen Lehre heraus:
1. den funktionalen Aspekt des Bewusstseins eines unerleuchteten Menschen und den
2. psychologisch-kognitiven (aktiven) Aspekt, des Bewusst-werdens…

De Wit bezieht sich auf den Abhidhamma und geht näher auf die Bedeutung der beiden Silben Vi- und ñāna und deren Funktion innerhalb der buddhistischen Psychologie ein.
Seit Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts wird Viññāṇa gewöhnlich mit „Bewusstsein“ übersetzt. Bewusstsein verstand man in der Psychologie und Philosophie der damaligen Zeit (und versteht man auch heute noch) als das Vermögen, sich mentale und sinnliche Phänomene bewusst zu machen. In der buddhistischen Psychologie verweist der Begriff Viññāṇa ebenfalls auf die geistige Aktivität des Bewusst-werdens. Es gibt zwei unterschiedliche Bedeutungen:
Die erste Bedeutung ist, dass sich Viññāṇa ausschließlich auf das Bewusstsein des nicht erleuchteten Menschen bezieht, der in Verblendung (Avijjā) lebt. Dieses Bewusstsein ist dualistisch, gebrochen und es kennt die Wirklichkeit nur zum Teil. Das bringt die Vorsilbe „Vi“ in Viññāṇa zum Ausdruck, deren Bedeutung „trennen“ ist. De Wit sagt, Viññāṇa sei daher kein absolut klares Bewusstsein, aber auch kein absolutes Unbewusstsein. Es ist ein dualistisches Bewusstsein, welches das Erfahrungsfeld in seiner ungebrochenen Gesamtheit nicht kennt. In diesem Sinn ist Viññāṇa auch Unbewusstsein. Es ist das Bewusstsein eines vagen Gefühls von „dies“ gegenüber „das“ und somit auch die Bewusstseinsbasis des Ego. So beschreibt dieser Dualismus den Aspekt der Verblendung von Viññāṇa , durch den wir bestimmte Dinge (wie z. B.: unsere unheilsamen Gewohnheiten und Verhaltensmuster) nicht sehen, uns dieser nicht bewusst sind.

In seiner zweiten Bedeutung verweist Viññāṇa auf eine geistige Aktivität, nicht auf eine geistige Fähigkeit oder auf das Bewusst-Sein, wie es in der westlichen Psychologie verstanden wird. Viññāṇa bezeichnet die Art und das Ausmaß unseres Bewusst-werdens der Phänomene (Objekterkenntnis), die sich in den sechs Erfahrungsströmen manifestieren. Diese geistige Aktivität vollzieht sich auf mehreren Ebenen und in verschiedenen Formen.

Mit den Begriffen Vijjā und Ñāna kann man jedoch auch die Psychologie von erleuchteten Menschen beschrieben. Nicht Avijjā, sondern Vijjā , häufig übersetzt mit „Weisheit“, zeichnet Erleuchtete aus. Vijjā ist frei von einer Ich-bezogenen Verblendung, welche geistige Konstrukte der Realität für die Realität selbst hält.
Anstatt des dualistischen „Vi“-Bewusstseins des Viññāṇa besitzen Erleuchtete nun Ñāna (Wissen/Kenntnis). Dieser Begriff wird - in Ermangelung eines besseren Begriffes – ebenfalls häufig mit „Weisheit“ übersetzt, bezieht sich aber eigentlich auf eine Art von Bewusst-Sein. Diese Art von Bewusst-Sein ist das Ergebnis der Kultivierung unseres Unterscheidungsvermögens (durch das Praktizieren von Rechter Erkenntnis und Rechter Gesinnung – der ersten beiden Übungen des Achtfachen Pfades). Es wird Paññā (Weisheit) genannnt. Paññā transformiert Viññāṇa in Ñāna.

De Wit beschreibt Ñāna als ein nicht-dualistisches, vollständiges klares Bewusst-sein, das unser Erfahrungsfeld nicht in „Ich“ und „Nicht-Ich“ spaltet. Dadurch fehlen auch die Identifizierung bestimmter Phänomene als „Ich“ und „Nicht-Ich“ sowie die Projektion bestimmter mentaler Ereignisse auf das, was „nicht-Ich“ ist.
Der Geist eines Erwachten projiziert nicht. Für das nicht-dualistische Bewusst-Sein gibt es keinen „Jemand“, der etwas weiß oder erkennt, es weiß und erkennt alles ohne falsche Interpretation. In diesem Sinne wird der Geist der Erwachten als allwissend bezeichnet. Ñāna überschaut und versteht vollständig die Dynamik eines jeden Erfahrungsmoments. Ñāna versteht, wie der Erfahrungsstrom verfälscht werden kann, wie daraus die Erfahrung des Leidens geboren wird, und wie dieser Strom gereinigt werden kann.

Demgemäß heißt es in M. 43:

(…) „Weisheit und Bewusstsein, Freund – diese Geisteszustände sind miteinander verbunden, nicht getrennt, und es ist nicht möglich, einen dieser Zustände vom anderen zu trennen, um den Unterschied zwischen ihnen beschreiben zu können. Denn, was man versteht, das erfährt man, und was man erfährt, das versteht man.
(…) „Was ist der Unterschied, Freund, zwischen Weisheit (Ñāna/Paññā) und Bewusstsein (Vi-ñāna), diesen Zuständen, die miteinander verbunden, nicht getrennt sind?“ - „Der Unterschied, Freund, zwischen Weisheit und Bewusstsein, diesen Zuständen, die miteinander verbunden, nicht getrennt sind, ist dieser: Weisheit gilt es zu entfalten, Bewusstsein gilt es vollständig zu durchschauen.“

2.Teil
Viññāṇa als programmierte (Wohl-) Erfahrungssuche
Die Interpretation von P. Debes und des Buddhistischen Seminars

In S. 12.51 heißt es:

„Wenn, ihr Mönche, ein (im Sinne der Lehre) unwissender Mensch eine gute Tatabsicht (Saṅkāra) erzeugt; wird sein Bewusstsein (Viññāṇa) dem Guten zugeneigt. Wenn er eine schlechte oder neutrale Tatabsicht erzeugt, wird sein Bewusstsein dem Schlechten (bzw.) neutralen zugeneigt.“

In einem Kapitel des Buches Meisterung der Existenz durch die Lehre des Buddha , das die zentralen Aussagen der über fünfzig jährigen Lehrtätigkeit von Paul Debes und seines Buddhistischen Seminars zusammenfasst, wird betont, wie wichtig und einflussreich die Inhalte unserer Gedanken sind und wie sie, Ursprung all unserer Taten, regelmäßig von uns unterschätzt werden. Der Leitspruch des Buddhistischen Seminars: Was du häufig denkst und sinnst – dahin neigt sich auch dein Herz – trägt dem Rechnung und mahnt zur Besinnung und Achtsamkeit.
Viele von dem Buddhistischen Seminar benutzten Termini lösen bei den so genannten Mainstreamern Befremden oder Irritationen aus (z. B.: „Empfindungssuchtkörper“ für nāma-rūpa oder „sechsfaches Erlebnisspannungsfeld“ für sal-āyatana).
Das Buddhistische Seminar übersetzt in vielen Fällen mehr hermeneutisch (auslegend), um so mehr die eigentliche Bedeutung des Begriffes zu betonen. Es liegt am Leser, sich dieser Terminilogie zu öffnen oder zu verschließen.

Viññāṇa in der Übersetzung „programmierte (Wohl-)Erfahrungssuche“

Was wäre, wenn wir im letzten Zitat aus der Samyutta-Nikāya einfach das Wort „Bewusstsein“ durch den Begriff „programmierte Wohlerfahrungssuche“ ersetzen? Im Gegensatz zu „Bewusstsein“ enthält dieser Begriff mehr Information. Aber, erklärt Debes mit seiner Begriffsübertragung etwas anderes als wir es bei anderen Begriffsübertragungen kennen gelernt haben, also ein durch Bedingungen entstandenes Bewusst-werden, welches ständig auf der Suche nach neuer (Wohl)-Erfahrung ist? Ich meine ja, weil es den „Vorgang“ Viññāṇa oder „programmierte Wohlerfahrungssuche“ in einem psychologisch-kognitiven und ganzheitlichen Zusammenhang betrachtet.
Der Geist hat keine direkte Berührung mit außen, sondern empfängt das Außen nur durch die gefühlsbesetzten Erfahrungen der Sinneseindrücke und kann überdies innere Vorgänge beobachten und reflektieren. Jeder Gedanke, jede Tat basiert auf einer vorher gemachten Erfahrung (und zwar seit der Mensch als Embryo im Mutterbauch Reize empfinden und verarbeiten kann): Der Geist erkennt etwas als angenehm oder als unangenehm wieder (saññā) und richtet sich so automatisch (programmiert) danach aus, Unangenehmes zu vermeiden und Angenehmes zu erlangen. Mit den Erfahrungen sind alle Erfahrungen gemeint - grobe Erlebnisse und ganz subtile, wie z.B. das unbewusste Wechseln der Sitzposition, nachdem das Sitzen in der einen Position unbewusst als unangenehm erfahren wurde. Debes bezeichnet Viññāṇa als den „Fürsorger“ und „Betreuer“ der fünf Sinnesorgane, weil er die Fähigkeit (die Tendenz) besitzt, den Körper mit seinen Sinnesorganen immer wieder dahin zu lenken, wo die „Sinnesdränge“ befriedigt werden können. Alle Wohl- und Wehe-Erfahrungen sind im Geist gespeichert. Die „Wohlerfahrungssuche“ kann man sich auch als einen Lenker oder Lotsen vorstellen, der den Körper einschließlich des Geistes an die gewünschten Wohl versprechenden Objekte heranbringt. Fritz Schäfer beschreibt Viññāṇa als das „Betriebssystem“ des Menschen. Viññāṇa fährt fast ununterbrochen den Körper in der Landschaft des äußeren Erlebens und den Geist in der Landschaft des inneren Erlebens umher, um Wohl zu finden.
Diese Wohl-Suche ist jedoch nicht als ein Täter oder ein „Ding“ aufzufassen. Sie ist lediglich ein komplexes Funktionssystem, das gelenkt ist von der Stärke der (durch die Erfahrung erzeugten) Gefühle und von den gespeicherten (programmierten) Erfahrungen aus der Vergangenheit. Es läuft nicht nur unbewusst ab, sondern auch in rasender Geschwindigkeit – deshalb wird es so schwer wahrgenommen:

„Die programmierte Wohlerfahrungssuche (Viññāṇa) geht den Formen nach, knüpft bei der angenehmen Form an, bindet sich daran.“ (M. 138)
Wie wird die „Wohlerfahrungssuche“ programmiert? Die so genannte Programmierung „spielt“ sich sozusagen ein, indem ein gleichartiger (Sinnes-)Vorgang wiederholt erfahren und unbewusst gespeichert wird. Ich nehme alle Eindrücke im Lichte vergangener Erfahrungen wahr. Viññāṇa weiß: So kann Angenehmes erfahren und Unangenehmes vermieden werden. Und weil dieser Vorgang blitzartig abläuft, ist „programmiert“ ein durchaus passendes Adjektiv. Man versteht so, wie diese programmierte Wohlsuche permanent aktiv ist – auch im Schlaf. Gleichfalls erkennt man die ihr innewohnende Energie, die durch ständiges Reagieren unsere Tendenzen schafft und das körperliche Dasein überdauern wird. Noch einmal sei M.43 genannt:

„Weisheit gilt es zu Entfalten, Bewusstsein (programmierte Wohlerfahrungssuche) gilt es vollständig zu durchschauen.“

Die drei unheilsamen Wurzeln Gier, Hass und Verblendung können durch diese Erklärung besser durchschaut werden. Sie waren immer schon anfangslos und es wird klar, woher sie ihre Nahrung erhalten. Sie halten Samsāra, den anfangslosen Daseins-Kreislauf der durch Unwissenheit geschützt wird, am Laufen. Dies eröffnet uns auch eine Perspektive, von der aus Nibbāna vorstellbar wird.
Die Bedeutung und Funktion des Pāli-Wortes Viññāṇa ist, abschließend betrachtet, wahrscheinlich leichter zu verstehen, als das „westliche“ Äquivalent „Bewusstsein“/consciousness. Die den beiden Begriffen fehlende Eindeutigkeit sowie die bereits erwähnten Nachteile von Begrifflichkeit erschweren daher ein klares Verständnis. So muss also diese Auseinandersetzung mit dem Begriff Viññāṇa aus den o. g. Gründen unvollständig bleiben.
Es reicht jedoch nicht aus, beim Bemühen um Verständnis, nur auf die Art des Gebrauchs von Viññāṇa im Pāli-Kanon und auf den Kontext zu achten, sondern sich auch mit dem Bewusstsein in der Auffassung der westlichen Wissenschaften auseinander zu setzen. Beim Lesen, Übersetzen und Verstehen der Texte müssen wir uns immer wieder die Unvollkommenheit der Sprache und Begrifflichkeit vergegenwärtigen. Buddha selbst hat oft darauf hingewiesen, wie wichtig die richtige Ansicht und das dazu erforderliche Streben sind. Er hat auch betont, dass erlebte Erfahrung jenseits von Worten, Konzepten und Theorien stattfindet, und immer daran erinnert, wie wichtig die Praxis der Achtsamkeit und der meditativen Versenkung ist.

Ergänzungen zum Thema Bewusstsein (2010):

Aus: Das Gehirn und seine Wirklichkeit von Gerhard Roth S. 213/214:

„Philosophen, Psychologen, Psychiater und Neurologen verwenden den Begriff „Bewusstsein“ oft verschieden. Ich will mich im Einklang mit den meisten Autoren auf Bewusstsein als einen Zustand, den ein Individuum haben kann, beschränken und alle Formen eines möglichen überindividuellen Bewusstseins außer Acht lassen. Dieses individuelle Bewusstsein wird von uns als Zustand bzw. als Begleitzustand von Wahrnehmen, Erkennen, Vorstellen, Erinnern und Handeln empfunden.
Eine charakteristische Form des Bewusstseins betrifft meine Ich-Identität: Bei dem, was ich tue und erlebe, habe ich in aller Regel das Gefühl, dass ich es bin, der etwas tut und erlebt, und dass ich wach und „bei Bewusstsein“ bin. Ich fühle mich eins mit meinem Körper, ich empfinde mich als ein Wesen, das eine Vergangenheit, eine historische Identität hat. […]
Neben dem Bewusstsein der eigenen Person und Identität und der willentlichen Kontrolle der eigenen Handlungen gibt es eine weitere Form des Bewusstseins, das sich auf bestimmte innere oder äußere Geschehnisse richtet wie Wahrnehmen, Denken, Fühlen, Erinnern oder Vorstellen. In diesem Zusammenhang ist Bewusstsein eng mit Aufmerksamkeit verbunden oder gar identisch mit ihm: je stärker die Aufmerksamkeit auf ein bestimmtes Geschehen gerichtet ist, desto bewusster ist es. Wir wollen diesen Zustand das Aufmerksamkeits-Bewusstsein nennen.

S. 233:
Ich behaupte also, dass das Auftreten von Bewusstsein wesentlich mit dem Zustand der Neuverknüpfung von Nervenzellen verbunden ist. Je mehr Verknüpfungsaufwand getrieben wird, desto bewusster wird ein Vorgang, und je mehr „vorgefertigte“ Netzwerke für eine bestimmte kognitive oder motorische Aufgabe vorliegen, desto automatisierter und unbewusster erledigen wir diese Aufgabe. Bewusstsein ist das Eigensignal des Gehirns für die Bewältigung eines neuen Problems (ob sensorisch, motorisch oder intern-kognitiv) und des Anlegens entsprechender neuer Nervennetze; es ist das charakteristische Merkmal, um diese Zustände von anderen unterscheiden zu können.

S. 239:
Nach Flohr (heißt es:)… Bewusstsein tritt ein, wenn das Gehirn Wissen über seinen aktuellen Zustand erzeugt.
Aus dem Wörterbuch der Psychologie von Werner D. Fröhlich S. 93 ff.:
Der Bewusstseinsbegriff wird in zwei aufeinander bezogenen Bedeutungen verwendet:
a) als Zustand des Zentral-Nervensystems, der dem deutlichen Erkennen, klaren Denken und geordneten Verhalten zugrunde liegt. Gegensatz: Bewusstlosigkeit.
b) als Inbegriff von Prozessen der subjektiven Erfahrung des eigenen Erlebens, der Erlebnisweise in Wahrnehmungs- , Denk- und Handlungsepisoden, der Richtungnahme des Erlebens im Bedürfnis-, Interessen- und Erwartungsbezug, des Klarheitsgrades, mit dem sich Erfahrungsinhalte zeigen sowie der im Gegenstands- oder Denkzusammenhang erlebten Gewissheit, selbst der/die Erfahrende zu sein. Gegensatz: un- oder unterbewusste Prozesse.

Aus: Buddhistischer und Westlicher Geist von Han F. de Witt S. 107:
Seit Stcherbatsky (1923, Ausgabe 1970) wird viññāṇa gewöhnlich mit „Bewusstsein“ übersetzt. Wenn wir untersuchen, welche Bedeutung „Bewusstsein“ in der Psychologie und Philosophie in der Zeit von Stcherbatsky hatte, ist diese im Kern das Vermögen, sich mentale und sinnliche Phänomene bewusst zu machen. Dieses ist eine Form des Wissens, die sich dem Konzept „knowledge by acquaintance“ von Bertrand Russel annähert. Wir finden diesen Begriff auch im Werk von Willhelm Wundt (1896), dem Gründer der wissenschaftlichen Psychologie, wieder.
In der buddhistischen Psychologie verweist der Begriff viììâna ebenfalls auf die geistige Aktivität des Bewusstwerdens. Es gibt aber im Vergleich zur Verwendung des Begriffs „Bewusstsein“ im Westen zwei Unterschiede in der Bedeutung.
Der erste Unterschied ist, dass sich viññāṇa ausschließlich auf das Bewusstsein des nicht erleuchteten Menschen, der in avijja lebt, bezieht. Kennzeichnend für diesen Menschen ist sein dualistisches, gebrochenes Bewusstsein, das er nur zum Teil kennt. Das bringt die Vorsilbe „vi“ in viññāṇa zum Ausdruck, deren Bedeutung „trennen“ ist. Viññāṇa ist daher kein absolut klares Bewusstsein, aber auch kein absolutes Unbewusstsein. Es ist ein dualistisches Bewusstsein, das sich des Erfahrungsfelds in seiner ungebrochenen Gesamtheit nicht bewusst ist. Im diesen Sinn ist viññāṇa auch Unbewusst-Sein. Es ist das Bewusstsein eines vagen Gefühls von „dies“ gegenüber „das“ und somit auch die Bewusstseinsbasis des Ego. […] Dieser Dualismus ist der Aspekt der Verblendung von viññāṇa, durch die wir bestimmte Dinge nicht sehen, uns dieser nicht bewusst sind, und die uns eine eingeschränkte Sicht vermittelt. […]
Als zweiten Unterschied verweist viññāṇa auf eine geistige Aktivität, nicht auf eine geistige Fähigkeit oder auf das Bewusstsein, wie es in der westlichen Psychologie verstanden wird. Viññāṇa bezeichnet die Art und das Ausmaß unseres Bewusstwerdens der Phänomene, die sich in den sechs Erfahrungsströmen manifestieren. Diese geistige Aktivität vollzieht sich auf mehreren Ebenen und in verschiedenen Formen. Daraus folgt, dass die buddhistische Psychologie nicht von einem Bewusstsein des Menschen ausgeht. […]