M1-5

1.) Urart (Mūla-pariyāya-suttaṃ)

Übersetzungen: 1) Dahlke, 2) Schmidt (teils), 3) Hoppe, in: Yāna 1963, S. 2-6, 4) Bhikkhu Nyana(xxx) in: BLD 1938/9, S. 45-48, 5) The discourse on the root of existence, The Mūlapariyāya Sutta and its commentaries, translated from Pāli by Bhikkhu Bodhi, Kandy 1980, 90S. (BPS, geschrieben 1977)

Kommentare:
1. Fischer, in: BLD 1938/9, S. 48-60 (m. Übersetzung von Buddhaghosas Kommentar)
2. Ladner, in: MBGZ H.4, Aug. 1943, S. 10-13 u. H. 13, Juli 1945, S. 13-18
3. Nyanaponika: Berichtigungen zu K.E. Neumanns Übersetzung der 1. Lehrrede der Mittleren Sammlung: Urart (Mūlapariyaya-Sutta), Broschüre des Christiani-Verlages Konstanz 1957, 10 S.
4. Hoppe, aaO, S 6-8

Personen: Pajapati, s.u.

Anmerkungen:
1. Am gleichen Ort spielt auch M 49, eine Rede mit Anklängen an M 1.
2. Nach J 245 E waren die Hörer dieser Rede eine Schar Brahmanen (Vedenkenner), die stolz meinten, sie hätten die ganze Lehre verstanden. So wie der Buddha in einer vergleichbaren Situation Anando eine Rede hält, dere Tiefe schwer auslotbar ist (D 15), so hier. In ganz Asien gilt M 1 als die schwerste Rede des Kanons.
3. "Aller Dinge Urart" = sabba-dhamma-mūla-pariyāyaṃ = aller Dinge Wurzel-darlegung. Pariyāya = wörtl. "herum-gehen", gedanklich umkreisen, daher übertragen "Darlegung".
4. Die Formel für den gewöhnlichen Menschen, die hier gegeben wird, ist h!ufig, so M 2, 22, 46, 109, 131, 136. Ein solcher "puthu-jjano" ist jeder, der nicht zu den Edlen (Ariya) gehört. Die Begriffe (Ariyo (hier "Heiliger") und sa-ppuriso (hier "Edler") sind gleichbedeutend.
"unkundig, unzugänglich" = ako-vido, a-vīnito = nicht das Woher wissen, nicht erzogen (daher Vinayo = Ordenszucht). PD übersetzt und erklärt: WW 1978, S. 249-263 (xxx)
5. "Nimmt die Erde als Erde, denkt Erde, denkt an sie, über sie, denkt 'Mein ist die Erde' und freut sich der Erde" = pathaviṃ pathavito sañjānāti, pathaviṃ (akk.) maññati, pathaviya (abl.) maññati, pathaviṃ me ti maññati, pathaviṃ abhinandati. Pathaviṃ = das Flache (Erde), puthujjano = der flache Mensch, der Irdische. Er stellt die Erde vor (sañña) und gehtdann mit seiner Vorstellung um im Akkusativ, Lokativ, Ablativ, d.h. umkreist (Akk.), geht aus von (Lok.), bezieht (Abl.) das Vorgestellte auf sich, ergreift das Wohl dabei. Ähnlich M 49. Auch S 35,20, dort bezogen auf die 6 Reiche. Das "meinen" (maññati) ist ein wahnhaftes Denken mit falschen Voraussetzungen. Von den drei Verben (sañjanati, maññati, abhinandati) gehört das erste zum sañña-khandho, die beiden anderen zum sankhāra-khando.
6. Es werden hier 24 Dinge der Vorstellung genannt:
1. Die 4 großen Gewordenheiten, d.h. die 4 Elemente, und die aus ihnen Gewordenen (bhūte, hier "Natur"), die Wesen niederer Art.
2. Die Götter, dabei außerdem als Beispiel "Herr der Zeugung" (Pajāpati), einer der Götter der 33, und zwar nach Sakko der zweite Gott (S 11,3). Gemeint sind hier die sinnlichen Götter.
3. Die 4 formhaften, brahmishen Götter. "Der Übermächtige" (abhibhū) ist vielleicht ein Name Reinhausiger Götter. Oder es ist ein Name des Brahma, der sich irrig für übermächtig hält, wie in M 49 (s. Anm. 1). Der Kommentar lehnt letzteres ab, da Brahma schon genannt sei und hält abhibhū für einen Namen der asañña-satta.
4. Die 4 formlosen Daseinszustände oder "Götterbereiche".
5. Gesehenes, Gehörtes, Gedachtes, Erkanntes, eine häufige Kurzfassung der 6 Sinne, wobei muta ("Gedachtes") die drei groben Sinne umfaßt ( so P 1). Auch M 22, 102, 112, 143, diese Vierheit.
6. Einheit, Vielheit, All, Nirvāna = die letzten Abstraktionen. Es gibt nur das All (mit Einheit und Vielheit) und dessen Gegenteil das Nirvāna (Wunschlosigkeit, s. Anm. 2). Kommentar meint, hier sei nur das angebliche Nirvāna aus D 1 gemeint.
Das ist sinnliche Vorstellung (1), übersinnliche (2-4), vergeistigte Abstraktion (5-6). Ob das Übersinnliche erlebt oder nur vorgestellt wird, ist gleich.
7. der kämpfende Mönch wird oft dem Weltling und dem Heiligen als Mittelding beider gegenübergestellt. Der Heilige als Lastableger ist Formel, ebenso M 22, 34, 73, 76, 80, 107.
8. "auch dem gilt" = pi abhijānati = der aber überblickt. Das ist die Überwindung der gewöhnlichen Vorstellungen (saññā) und durch abhiññā kommt man zu pariññā (rundum durchschauen, hier "kennen"). Das sind also 3 Weisen des Erkennens, von denen in M 37 nur die beiden letzten genannt werden (dort "betrachten, durchschauen").
9. Der Heilige wird in M 1 nicht weniger als sechsmal vorgeführt, nämlich viermal als Lastableger, der durchschaut, und zwar weil er ohen Gier, Haß, Irre ist; dann zweimal als Buddha, der das Gesetz selberr durchschaute (pariñña) und den Zusammenhang entdeckte (viditvā).
10. Ddie Begriffe "Gier, Haß, Irre" (rāgo, doso, moho) sind: Anziehung, Abstoßung und Verblendung. Oft werden als Gier und Haß aber zwei Unterfälle davon bezeichnet, nämlich die sinnlichen (abhijjha, vyāpādo). Statt rāgo steht seltener lobho (Sucht), s. M 9.
11. "Genügen, Werden, geburt, Alter-Tod" - das sind die letzten vier Glieder der Nidāna-reihe (sie in M 9), wobei das Genügen (nandi) ein Synonym für das sonst gebrauchte Ergreifen (upādāna) ist.
12. "Lebensdurst erstorben, entwöhnt, entrodet, entgangen, entwunden" = tanhānaṃ khayā, virāgā, nirodhā, cāgā, patinissaggā. Das ist eine Umschreibung der dritten edlen Wahrheit, wie in M 141 (dort noch w Begriffe mehr: mutti, anālayo).
13. Am Ende der Reden haben all asiatischen Bücher und Palmblattmanuskripte nicht die übliche Formel des Lehrredenabschlusses "attamanā te bhikkhu Bhagavato bhāsitaṃ abhinandum", sondern als einziges Mal "na te… abhinanduṃ". Nach dem Kommentar zu A III/123 (im AN Bd. 1, Anm. 217 der Neuauflage) zweifelten die Brahmanen, ob der Lehrer einer so schwer verständlichen Rede überhaupt zum Heil führen könne. Doch im Lauf der Wanderung klärte sich ihr Geist und sie verstanden allmählich den Sinn, wurden begeistert an der Lehre. Da gab ihnen der Buddha zum Abschluß die kurze Rede A III/123 an deren Ende die Welt erzitterte, wie bei der ersten Predigt in Benares. Und sie erlangten alle die Heiligkeit.

Thema: Ist das, was die 6 Sinne als Erfahrung anbieten, die absolute Wirklichkeit?
1. Der gewöhnliche Mensch traut der Erfahrung blind, sei diese nun normal sinnlich (naiver Realismus) oder übersinnlich in allen Graden (magisch-okkult) oder sei sie vergeistigt als abstrakte Erkenntniskritik (Idealismus). Immer nimmt er das, was die Erfahrung, Vorstellung, Gewahrung, Wahrnehmung als erlebten Inhalt anbietet, für objektiv bestehend. Er geht von der Voraussetzung aus "Weil es diese Welt oder jene Welt oder die Ideenwelt gibt, weil sie an sich und für sich da ist, deshalb gibt es sie für mich". Auf Grund dessen denkt er und macht sich ein Weltbild. Und warum? Weil er die Welt nicht kennt, weil er ihr blind vertraut, weil er objekthörig ist und sich als Subjekt davon bestimmen lässt.
2. Dem Übenden nun rät der Buddha, Abstand und Mißtrauen gegenüber dem objkethörigen Gewahren und Denken zu gewinnen. "Dies Ganze gilt nicht wirklich" (Sn 9). Der Buddha bestärkt den Suchenden darin, sich selber als den Projektor des Erlebten zu überblicken, sich zurückzunehmen, um dadurch zu wirklicher Durchschauung des Welträtsels kommen zu können. Er empfiehlt ihm, nciht über die Dinge nachzudenken, sondern auch die Quelle aller Dingentwürfe zu achten. Nur so käme man zur Wurzel, zum Grunde, zur Urart, zum Anfang der Dinge. Weil der Übende die Dinge mit Abstand gewahrt (abhiññā), denkt er nicht blind (maññati) und so kann er zur Durchschauung (pariññā) kommen, ist auf dem Weg dazu.
3. Am Ende dieses Weges steht der Heilige, der alle Dinge durchschaut, weil er das Hindernis dessen überwunden hat, nämlich das Angezogensein und Abgestoßensein von den Dingen und das Vermeinen, sie trügen ihren Wert in sich. Das, was der Erwachte als erster und selber entdeckte, das findet der Heilige auf dem Wege immer wieder bestätigt: durch bejahendes Denken, durch bezugschaffendes Vermeinen, durch Aneignen, Ergreifen, Genügen projiziert man die DInge erst, setzt sie ins Dasein, zeitigt sie - und wird dann ihr Opfer. Alles Erscheinen gebiert sich aus diesem Vorrat an selbsterzeugten Ideen, die alle unbeständig, haltlos und daher unzureichend sind. Die Objekte sind also nicht die feste Grundlage der Erfahrung, sondern die Wurzel alles Erscheinens ist das subjektive Ergreifen, welches das Ich und die Welt erst schafft, unter welcher das Ich dann leidete. Auch die Vorstellung des Nirvānas, des Ungeschaffenen, ist, weil es eine Vorstellung ist, wiederum etwas Geschaffenes, ist also gar nicht das Nirvāna selbst. Weil der Weltling das Nirvāna nicht kennt, nur deshalb macht er sich Meinungen darüber. Würde er es kennen und "erfahren", dann würde er nicht mehr vermeinen. Die Tatsache des Vermeinens und des Benennenwollens ist ein Zeichen dafür, daß er es eben nicht kennt.

2.) Alles Wähnen (Sabb'āsava-suttaṃ)

Übersetzungen: 1) Dahlke, in: Buddha, 2) Schmidt, 3) Grimm, in: Yāna 1963, S. 169-175
Kommentare: 1) Ladner in: Einsicht, 1954, S. 54-57; 2) Schmidt, in: Einsicht 1956, S. 132-134, 3) Paul Debes in WW 1989, S. 2 - 61, 4) Ch. Schoenwerth, 1993, 21-33 (xxx einiges unklar hier)

Personen:
1. Anāthapindiko, ein reicher Kaufmann, hatte einen Garten, das Siegerwaldkloster dem Orden gestiftet. Dort spielen die meisten Lehrreden, aus der Mittleren Sammlung 69. In den folgenden Reden wird auf Anāthapindiko nicht näher hingewiesen, wenn nur sein Kloster genannt wird. Näheres über ihn: M 143, WW 1967, S. 130-154

Anmerkungen:
1. "Wie allemä Wähnen gewehrt wird" = sabb'āsava-samvara-pariyāya = aller Triebe Abwehr-Darlegung. Pariyāya wie M 1. Āsava von savati = fliessen = das was von innen her seelisch in die Objekte hineinfließt oder das, was sich bei der Berührung des Subjektes durch Objekte als dessen Beeinflußbarkeit zeigt. Das eben sind die Triebe (so übersetzt auch Dahlke) oder Anwandlungen (Schmidt) oder Schwächen (Franke). Die Übersetzung "Wähnen" oder "Wahn" rührt her von der Beziehung zu wünschen im Deutschen. Wünsche aber sind Triebe.
2. "Kenner, Kundiger" = jāṇato, passato = Kennender, Sehender = intellektuell erstehender und spirituell Schauender
3. "gründliche Achtsamkeit" = yoniso manasikāro: Das Adverb dazuyonisi = gründlich. Gegenteil a-yoniso = seicht. manasikaro = im Geist (manas) machen (karoti) = in geistiger Besinnung die Aufmerksamkeit auf sich richten, sich in Frage stellen. Dagegen paßt Achtsamkeit besser für die Beobachtungsfähigkeit (sati). Sati (Achtsamkeit) ist eine Funktion der Seele, manasikāro ist eine Funktion der Geistesbildung, gehört zu den sankhāra. Seichte erzeugt die Triebe (A I/2), manasikāro (erzeugt? xxx) ja alle Dinge (A X/58).
4. "überwinden" = pahāna. Sieben Weisen der Triebüberwindung werden genannt. Im engeren Sinne wird pahāna aber nur für eine der 7 gebraucht, nämlich für die sechste (kämpfen = vinodana), s.u.
5. "wissend" = dassana = anblickend, Anschauungsbildung.
6. "würdigendes" = manasikaraniya = Aufmerksamkeit wertes. In M 46 übersetzt Neumann in einem Kontext ein anderes Wort mit "würdigen", nämlich bhajitabbe.
7. Wunsches-, Daseins, Irr-wahn = kām'āsavo, bhav'āsavo, avijj'āsavo = gegenwärtig sinnlicher Trieb, Werde-Trieb (Schaffenstrieb), Trieb nach falschen Anblicken. Es sind sinnliche, gestaltende, intellektuelle Triebe, d.h. solche mit Körper, Seele und Geist. Das sind alle Triebe, wie der Titel der Rede lautet.
8. Die hier genannten 16 seichten "Erwägungen" (manasikāro!) umfassen die tiefsten Menschheitsfragen mit, nämlich nach dem Ich in den 3 Zeiten. Da aber die Zeit hier objektive gesetzt wird und darin Ich und Welt gegenübergestellt werden, so ist das seicht. Hier zeigt sich, wie umfassend manasikāro ist, es ist Fragen und Antworten. Ein Synonym für seichte Aufmerksamkeit ist kathamkatha (Hier "Zweifel") = Wie-fragen, Warum-fragen. Dagegen ist vitakko (von Neumann mit "Erwägen" übersetzt) vordergründiger. Es gibt manasikāro ohne vitakko, aber kein vitakko onhe manasikāro (M 111).
9. Die 6 um die "Seele" (atta = Ich) kreisenden Ansichten sind:
1/2: Es gibt ein Ich (Ewiges) oder es gibt keins.
3/4: Mit dem Ich wird entweder das Ich oder das Nicht-Ich gewahrt.
5: Mit dem, was nicht das Ich ist, gewahre ich das Ich, d.h. mit dem vergänglichen Erkenntnisapparat gewahre ich das unvergängliche Ich.
6: Das unvergängliche Ich als Sprecher und Empfinder (vado, vedeyyo) empfindet (patisamvedeti) die Folgen guter und böser Werke. In M 3 (xxx fehlende Ziffer?) wird das dem viññanaṃ zugeschrieben.
In allen 6 Fällen geht es um die Gewahrung (saññā), wie in M 1. Dort ging es um das Mein, das gewahrt wurde, hier um das gewahrte Ich. Schmidt meint, die richtige Erkenntnis sei diese, daß mit dem Nicht-Ich das Nicht-Ich gewahrt werde "an-attanā attānaṃ sañjānāmi", d.h. der vergängliche Erkenntnisapparat versteht sich selber und alles durch ihn Erkennbare als vergänglich und daher nicht das Ewige, Kernhafte.
10. Gasse, Höhle, Schlucht, Dorn, Hag, Garn = gataṃ, gahanaṃ,kantāraṃ, visūkaṃ, vipphanditaṃ, samyojanaṃ = Hohlweg, Höhle, Wildnis, Zerstreuung, Zerrung, Fessel. Die 6 kommen oft vor: M 22, M 72 usw.
11. "Erdensohn" = puthujjano. Diese Übersetzung spielt auf das in M 1 Anm. 55 Gesagte an.
12. "bei gründlicher Erwägung lösen sich ihm drei Umgarnungen auf" = evaṃ manasikaroto tini samyojanāni pahīyanti = bei derartiger Aufmerksamkeit werden drei Fesseln überwunden.
13. "Glaube an Persönlichkeit, Zweifelsucht, Sich klammern an Tugendwerk = sakkāyaditthi, vicikicchā, sila-bbata-parāmāso = Persönlichkeitsansicht, Zweifel an der Geborgenheit im Nirvāna, Überschätzen von Gehaben (Tugend) und Gelübden (Werk).
14. "Wähnen, das wehrend überwunden werden muß" = āsavā samvarā pahātabbā = Triebe, die durch Abwehr zu überwinden sind. Der Begriff samvaro wird eingangs (Anm. 1) für alle 7 Überwindungen gebraucht, hier nun gilt er allein für die Überwindung des Sinnlichkeitstriebes.
15. "Wahrt sich Besonnenheit als gründliche Wehr und Waffe des Gesichts" = patisankhā yoniso cakkhu'ndriya-samvara-samvuto viharati = gründlich besonnen weilt er, den Seh-sinn abschließend abgeschlossen habend.
16. Diese Übung wird sonst im Kanon "Sinnenzügelung" (indriyesu gutta-dvara) genannt, und in einerr Standardformel definiert (M 51, M 53, M 141 usw.). Umschrieben als: zähmen (A IV/164), Wunden verbinden (M 33), wilde Rosse bändigen (S 35,198).
17. Besonnenheit (patisankhā) ist eine Weise der Achtsamkeit (sati), nicht der Aufmerksamkeit. Daher steht sie nicht bei der ersten, sondern nur bei den 6 weiteren Überwindungen. Die Aufmerksamkeit soll geistig gründlich sein, die Besonnenheit seelisch gründlich.
18. "pflegend" = patisevanā = benutzen, betreiben, umgehen mit etwas, eben pflegen, und zwar der 4 Lebensnotwendigkeiten (Kleid, Essen, Wohnen, Arznei). Das 2. Bedürfnis wird oft als Maßhalten beim Essen gesondert hervorgehoben: als achtfach ausgezeichnete Nahrungsaufnahme ( M 91), als Ölen einer Wagenachse (S 35,198), insbesondere gesondert im Tathagatagang ( M 39, M 53, M 107).
19. "Verstörend, sehrend" = vighāta-parilāho, wörtl. Zermarterung und Fieberbrand = Sorgen (Geist) und Leidenschaften (Herz). Beides ist eine falsche Gewahrung, die aus den Trieben folgt.
20. "duldend" = adhivāsanā = über sich ergehen lassen. Ist Synonym für Geduld (khanti), die ebenso wie hier definiert wird (A iV/164-5).
21. "fliehend" = pari-vajjana = wörtl. umgehen, dem stärkeren Schädlichen ausweichen mit Vorsicht und Umsicht.
22. "kämpfend" = vinodanā = verneinen. Ist Synonym für Überwinden (pahāna) im engeren Sinne als zweiter der vier großen Kämpfe. Näher M 19. Gleichnisse dafür: Einebnen (A IV/164), Fliegeneier am Rind vernichten (M 33).
23. Die 3 Gedanken (vitakko) des Schlechten sind der Inbegriff aller unheilsamen Erwägungen: sinnliches Bedürfen (kāma), sinnliche Abneigung (vyāpādo), seelische Gewalt (vihimsa, hier übersetzt "Wut").
24. In M 68 heißt es, auch der Buddha pflege, dulde, fliehe, überwinde, obwohl er alle Triebe überwunden habe (näher dort).
25. "wirkend" = bhāvanā = entfalten, Bewußtsein erweitern, Meditation. Die 7 Erweckungen (sam-bojjh'anga) sind der Inbegriff des Friedens (samādhi). Sie zu erzeugen, ist der dritte der vier Kämpfe. Es ist das Bemühen darum, alle inneren Kräfte auf das Nirvāna auszurichten.
26. "abgeschieden, abgelöst, ausgerodet, gezeugt, in Endsal übergehend = viveka-, virāga-, nirodha-nissitaṃ vossagga-parināmaṃ = einsam, entreizt, aufgelöst eingepflanzt, zum Loslassen völlig geneigt. Diese 4 Begriffe werden auch für den Achtpfad gebraucht (S 3,18).
27. "Einsicht, Tiefsinn, Kraft, Heiterkeit, Lindheit, Innigkeit, Gleichmut = sati-, dhammavicayo-, viriya-, piti-, passaddhi-, samādhi-, upekkha-sambojjhanga = Achtsamkeit, Sichtung der Dinge, Tatkraft, Begeisterung, Beschwichtigung, Frieden, Gleichmut. Näheres über die 7 im Bojjhanga-Samyutta (S 46). und M 118.
28. Es gibt drei Hauptbeschreibungen des Heiligen:
1. als Lastableger usw. s. M 1
2. als Leidensender usw., wie hier und M 20, S 36,3 und S 44,9
als Geburtversieger, s. M 7: das ist am häufigsten.

Thema: Wie sind die Triebe zu überwinden?
1. Da die Triebe eine Ich-Ansicht entwerfen und da dies gewähnte Ich an sich selber leidet, ist es als erstes nötig, sich durch gründliche Aufmerksamkeit in Frage zu stellen. Triebe machen seichte Aufmerksamkeit, die zu Ich-Ansichten führt, woraus die zähe Fesselung des Ansichtstriebes entsteht. Er besteht aus den drei ersten Fesseln (Persönlichkeitsansicht, Zweifel, Tugenüberschätzen), die allein durch die Hörerschaft schwinden. Durch sie wird man allmählich vom Leiden völlig frei (pari-muccati).
2. Während das wissende Überwinden die Quelle im Herzen versiegen läßt, aus der immer wieder neu alle Triebe kommen (1. Stufe des Achtpfades), geht alles weitere Überwinden darum, die bereits im Herzen vorhandenen alten Triebe allmählich abzuschichten. Das geschieht zuerst nach außen, nämlich im Planen und dessen Durchführung im Reden, Handeln, Wandeln (2. - 5. Stufe des Achtpfades) und dann - was hier allein behandelt wird -, nach innen durch die 4 großen Kämpfe (6. Stufe). Darauf beziehen sich alle weiteren in M 2 genannten 6 Überwindungen der 3 Triebe (Habenwollen, Seinwollen, Nichtwissenwollen vom Überwinden):
ERSTER Kampf gegen unaufgestiegenes Übel: Wehren Sinnenzügelung. Durch den Ichtrieb ist man gewohnt, bei den 6 Sinnesobjekten schön und unschön zu unterscheiden und ersteres zu erdürsten. Dem Drang, immer wieder durch die 6 Tore zu den Weidegründen zu laufen, muß gewehrt werden. Das ist so wichtig, daß dazu noch drei Fälle aufgefächert werden: Pflegen als Angehen der zum Leben nötigen Sinnendinge; Dulden als Angegangenwerden; Fliehen als Umgehen mit dem, was weder gepflegt noch geduldet werden muß.
ZWEITER Kampf gegen aufgestiegenes Übel: Wo die 3 Unheilsgedanken aufsteigen, müssen sie verneint werden, um die Neigung auszurotten.
DRITTER Kampf für unaufgestiegenes Heilsames: Brachliegende Möglichkeiten des Herzens müssen entfaltet werden, wie Merken der Heilssehnsucht, wie tieferes Heilsverständnis und daraus folgende gute Anmutungen bis zum Gleichmut des Herzensfriedens. Die Erhaltung dessen macht dann den hier nicht extra genannten 4. Kampf aus: dann pflegen statt fliehen ( ? xxx).

3.) Erben der Lehre (Dhamma-dāyāda-suttaṃ)

Übersetzungen: 1) Dahlke, in: Buddha, 2) Schmidt

Personen: Sāriputto, s. M 32

Anmerkungen:
1. "Lehre, Notdurft" = dhamma, āmisa = Geistiges und Materielles. In A II/66-67 werden dazu viele Beispiele gegeben.
2. "Grasfreier Grund, fließendes Wasser" = appa-harite, a-ppānake udake = wenig Grün besitzend, nicht Lebewesen besitzend. Diese Worte kommen in zwei Zusammenhängen vor: Wie hier als Regel für überflüssiges Essen ( M 31 = M 128 = MV X,4; MV IV,1; CV VIII, 5), dann wegen Unverdaulichkeit von Essen für andere ( S 7,9; MV VI, 26; nach Sn 82. Dagegen D 16 IV Vergraben in Grube). Sinn wohl: Wenn die Mönche ihr Essen auf Reisfelder ausleeren, werden die Saaten beschädigt. Und wenn sie es in Pfützen und stehende Tümpel tun, da können die dort hausenden Kleintiere Schaden nehmen. Daher soll es auch Nichtgrünen Grund oder in fließendes Wasser geschüttet werden. Dort können ws größere Tiere (Vögel bzw. Fische) verzehren, ohne daß Schaden angerichtet wird. Daß der Begriff appānake nicht anders übersetzt werden kann, ergibt sich aus P 20 und P 61, wo er sa-ppānake (mit Lebewesen) zum Gegenteil hat.
3. "Genügsamkeit, Zufriedenheit, Ledigkeit, Leichtigkeit, Beharrlichkeit" = app'icchata, santutthi, sallekha, su-bharata, viriy'ārambha = Bescheidenheit, Genügsamkeit, Ledigung, leicht unterhaltbar sein, Tatkraft einsetzen. Die ersten drei auch D 28, AV/181. Die ersten zwei und das fünfte: M 32, D 34 VIII usw. Siehe auch M 122 Gespräche über diese drei.
4. "anspruchsvoll, aufdringlich, vor allem Gesellschaft suchen, die Einsamkeit als lästige Laste fliehen" = bahulikā, sāthalikā, okkamane pubbangamā, paviveka nikkhitta-dhurā = üppig (so übersetzt in M 26), locker-schlaff, dem Kommen anderer zuvorkommen, Einsamkeit als Last abwerfen. Diese Begriffe auch in M 5 und M 107.
5. Die 16 Eigenschaften entsprechen den 16 Herzenstrübungen in M 7. Während hier die ersten beiden lobho und doso heißen, steht dort abhijjha-visama-lobho und vyāpāda. Die übrigen 14 sind identisch. Neumann übersetzt aber in Fällen anders. Näheres s. M 7.
6. "sehend, wissend" = cakkhu, ñāna. Wie M 2 "Kenner, Kundige" = passato, jānato. Mittlerer Pfad: s. S 56,11 in der Predigt von Benares als Mitte zwischen Genuß und Verdrängung (?xxx).
7. "Ebbung, Durchschauung, Erwachung, Erlöschung" = upasama, abhiññā, sam-bodhi, nibbānaṃ. Meist stehen vor diesen 4 noch einige andere Eigenschaften s. bei M 26.

Thema: Wie ist der Buddha dem Mönch Vorbild?

In 5 Weisen, von denen der Buddha nur eine, die anderen Sāriputto nennt.
1. Wenn der Mönch von ihm nicht materielle sondern nur geistige Nahrung annimmt. Das stärkt seine Bescheidenheit dahin, daß er sich nicht so wichtig nimmt ("Ich muß aber essen"), daher genügsam ist, sich leicht im Leibe fühlt, leicht von den Spendern zu unterhalten ist. Außerdem läßt er den Essensrest des Buddha Tieren zugutekommen, spendet ihnen.
2. Wenn er, wie der Buddha, einsam weilt, dort etwas mit sich anzufangen weiß und nicht immer Sinneskontakte sucht.
3. Wenn er das Böse, das an Ruhe und Klarheit hindert, überwindet und seine Tatkraft so einsetzt, wie auch der Buddha es tat.
4. Wenn er sich nicht in Gedanken gehen läßt oder in Gesellschaft die Triebe laufen läßt, also nicht das Joch (die Pflicht) des Mönches abwirft.
5. Wenn der den Achtpfad als krampflosen Mittelweg erkennt, wo nur das zu lassen ist, was man als ungut ansieht, wo man erst das Leichte, dann das Schwere zu tun hat, nämlich zuerst die asozialen Eigenschaften abzulegen, die abhängig machenden und die unwürdigen, erst dann bloß vergängliche.

4.) Furcht und Angst (Bhaya-bherava-suttaṃ)

Übersetzung: 1) Dahlke, 2) Schmidt, auch E 1959, S. 161

Personen:
1. Jāṇussoni, ein berühmter Brahmāne, aus Sāvatthī: als solcher neben anderen Brahmanen erwähnt M 98, D 13. Er besaß einen Prachtwagen (S 45,4).In M 27 am Anfang und in M 99 am Ende lobt er den Buddha. Er besuchte diesen oft und fragte ihn: nach dem Inbegriff der Kasten ( A VI/52), ob man den Dreivedenpriestern spenden solle (A III/59), ob der Buddha keusch lebe (A VII/47), ob jeder den Tod fürchte ( A IV/184), ob Totenopfer auch den Toten nützen (A X/177), wodurch Wiedergeburt bestimmt werde (A II/15), ob alles oder nichts sei (S 12,47), wieso das Nirvāna ersichtlich sei (A III/55). In A X/119 und 167 sieht der Buddha ihn am Feiertag feiern und fragt ihn darüber. In allen diesen 10 Reden sowie in M 27 und hier in M 4, also 12 mal, nimmt Jānussoni Zuflucht zum Buddha. Das kommt sonst bei keinem vor.

Anmerkungen:
1. "folgen nach, halten hoch, haben zum Lehrer erkoren, Lebensansicht und Lebensführung wird ihnen zu eigenen" = pubban-gamo, bahu-karo, samadapeta, ditth'anugatim āpajjati = sie lassen den Buddha voran (pubba) gehen (gamo); machen (kāro) sich viel (bahu) aus ihm; nehmen ihn ganz an ("adoptieren"); gehen auf (āpajjati) darin, seiner Ansicht (ditthi) nach (anu) zu gehen (gati) = er ist Vorbild, wird verehrt, anerkannt als Lenker, und man folgt ihm nach.
2. "schwer lebt sichs, ist zu pflegen, ist zu genießen" = dur-abhi-sam-bhava, du-kharam,dur-abhi-ramam = schwer ist darüber sein, schwer ists zu tun, schwer Lust daran zu heben (xxxhaben?). Ebenso A X/99.
3. "die Waldschluchten müssen wohl einem Mönche, der keine Fassung gewinnen kann, das Herz im Leibe stocken lassen" = haranti, maññe, mano vanāni samādhim a-labhamānassa bhikkhuno = dem Mönche, der keinen samādhi erlangt, halten (haranti) die Wälder (vana) den Geist (mano), d.h. der Wald besetzt ihn, macht ihn verrückt. Dazu näher A X/99: er geht entweder geistig unter oder er flieht aus dem Wald, so wie ein Hase im tiefen Teich versinkt oder, wenn er es merkt, erschreckt herausspringt, während ein Elefant ein Spritzbad darin nimmt.
4. "Mir, dem Erwachung erst Erringenden" = bodhi-satto (später übersetzt "Der Erwachsame"), hier in Anm. 5 abgeleitet von sañj = hängen, d.h. ein der Bodhi nachhängender. Abgelehnt die Ableitung von Skr. sattva (Wesen) in MS III, Anm. 100. Beide Bedeutungen von satto werden verbunden in S 23,2: Wer anhängt (satto), der ist ein Wesen (satto).
5. "ungeläutert an Taten, Worten, Gedanken" = a-parisuddha-kāya-kammantā (vāci, mano). Hier wird ausnahmsweise einmal der Begriff kammantā, der sonst nur für körperliche Werke benutzt wird, auch für Reden und Denken benutzt. "Wesen" (ājiva) = Lebensführung, Wandel, die 5. Stufe.
6. "weil" = sandosa-hetu = der Befleckung (dosa) wegen (hetu). Es werden hier also 16 Befleckungen genannt. Neumann übersetzt diesen Begriff hier nicht mit.
7. "erfahren schuldige Furcht und Angst" = akusalam bhaya-bheravam avhayanti = unheilsame (akusala) Furcht und Angst überkommt sie (ā-hu). Kein Unterschied beider Begriffe, außer daß bheravam nie Gefahr bedeutet. Die Übersetzung "Furcht und Angst" beinhaltet nicht den Unterschied, den die Psychologie zwischen konkreter Furcht und ungreifbarer Angst macht.
8. "Wohlgefallen" = palloman = panna-loman = niedergelegtes Haar = die Haare liegen mit dem Strich = Zufriedenheit. In M 89 ist panna-loma übersetzt mit nachgiebig. In D 3 p. 96: sotthi, pallomo = wohl und zufrieden ("heil samt Haut und Haar"). Das Gegenteil von pallomo ist lomahamsa (Haarsträuben), s.u.
9. "begierig voll heftiger Wünsche" = abhijjālu kāmesu tibba-sā-rāga = habsüchtig, bei den Begierden (kāma) stark (tij = brennend mit (sa) Reiz (rāgo). Dies steht hier für die erste der 5 Hemmungen (kāma-cchando). Das Gegenteil ist hier an-abhijjālu = ohne Habsucht.
10. "gehässig, verbitterten Sinnes" = vyāpamnna-cittā, paduttha-māna-sankappā = mit Aversion im Herzen, übelwollender Gesinnung im Geiste. Das steht für die 2. Hemmung (vyāpādo). Gegenteil hier: metta-cittā = liebevolles Herz (übersetzt "Mitleid").
11. "matt und müde" = thīna-middha-pariyutthitā = von Langeweile und Sichgehenlassen rings umsponnen. Die 3. Hemmung. Gegenteil: vigata-thina-middhata = TM ist vergangen. Die beiden Übersetzungen für vigata mit wehrend bzw. fremd nennen zu wenig bzw. zu viel.
12. "aufgeregt, unruhigen Geistes" = uddhatā, a-vupasanta-cittā. Dies ist eine der wenigen Stellen, an denen Neumann uddhacca mit Aufregung und nicht mit Stolz übersetzt. Gegenteil: vupasanta-citta. Es fällt auf, daß hier bei der 4. Hemmung die Hassenseite (kukkuccam = Ungeduld) nicht mit genannt ist.
13. "schwankend, zweifelnd" = kankhi, vecikicchi. Gegenteil: tinna-vivikicchatam. Die 5. Hemmung ist vi-ci-cit-sā = Auseinander (vi) denkenwollend (ci-cit) heit(sa). Kankhā ist ein Synonym.
14. "Selbstlob und Nächstentadel" = att'ukamsakā, para-vambhi = sich hochziehen, andere ausspucken = Stolz (māno) und Verachten (atimano) = andre Namen für zwei der 16 Herzenstrübungen aus M 3 und M 7. Diese Befleckung kommt hier auf, wenn man die 5 Hemmungen mal aufgehoben hat und sich dann mit anderen vergleicht. Siehe M 29 und M 113. Gegenteil: an-attukkamsaka, a-parivambhi.
15. "zittern und zagen" = chambhā bhiruka-jātikā. CHambhi ist eines der Synonyme für Angst, bhiruka ist ein anderes Adjektiv zu bhaya. Jātika = angeboren. Gemeint ist hier vielleicht die Angst vor dem Ich-Verlust in der Einigung, die in M 128 beschrieben ist (chambhitatta), als ein Sonderfall gegenüber den anderen hier genannten Ängsten um das Ich. Gegenteil: vigata-loma-hamsa = vergangen ist Haar-sträuben (auch das ein Synonym für Angst).
16. "nach Gaben, Ehre, Ansehen gieren" = lābha-sakkāra-silokam nikāmayamānā = begierig (ni-kāma) auf Erlangen, Ehre und Ruf. Gegenteil: app'icchatā = Bescheidenheit, wenig verlangen an Beachtung. Dies ist das seelische Pendant zur Habsucht: Die Habsucht will materielle Dinge des anderen, der Ehrgeiz will seelische Anerkennung, ausgedrückt durch Geschenke, Hochschätzung und Anklang. Diese 3 Begriffe sind im Pāli der Name für Ehrgeiz.
17. "gebrochen, mutlos" = kusita, hina-viriya = kleinmütig, seine Kraft schonend (sie nur im niederen einsetzen). Gegenteil: "standhaft" = āraddha-viriya = Einsatz der Tatkraft.
18. "verstörter trüber Vernunft" = muttha-sati a-sampajāno = Achtsamkeit vergessen, ohne Klarbewußtheit. Gegenteil: klare Vernunft = upatthita-sati.
19. "unsteten, zerstreuten Sinnes" = a-samāhita, vibhanta-citta = friedlos, wirbelnden Herzens. Gegenteil = "Fassung" = samādhi-sampadam.
20. "töricht und stumpf" = du-ppaññā ala-mugā = schlechte Weisheit, falsche Stummheit (=Stumpfheit). Gegenteil: pañña-sampadam.
21. "gewisse verrufene" = abhi-ññātā, abhi-lakkhita = mit übersinnlicher Erkenntnis, mit übersinnlichen Merkmalen. Das sind die Nächte der 4 Mondfeiertage, an denen besonders Geister umgehen. Nachts, an Mondtagen, an Gräbern = das sind drei Steigerungen für Unheimlichkeit. "Grauen und Entsetzen" = bhimsanaka, sa-lomahamsa = gefahrdrohend (weiteres Adjektiv zu bhaya), mit Haarsträuben.
22. Zur Furchtprobe des Bodhisattva vergleiche die Parallele bei Johannes Klimakus in seiner Leiter Stufe 21: "Es gibt gewisse Stätten, die euch Schrecken einjagen: Zögert daher nicht, euch mitten in der Nacht dorthin zu begeben. Wenn ihr nicht dagegen ankämpft, wird euch dies Gefühl bis ins Alter begleiten."
23. Nacht für Tag "halten" (sañjānāti = gewahren). "Wahn" = sammoha-vihāra. "Wahnloses Wesen" = a-sammoha-shammo satto.
24. Die Formel "vielen zum Wohle…" ist sehr häufig: D 14, It 84, S 6,5, M 31.
25. 1. "standhaft hielt ich aus, ohne zu wanken" = araddham me viriyam ahosi a-sallīnam
2. "bei klarer Vernunft, ohne Störung" = upatthita-sati a-sammutha
3. "gestillten Körpers, ohne Regung, gefaßten Gemütes, einig" = passadha kāyo a-sāraddho, samāhitam cittam ek'aggam.
In dieser Weise werden die 3 mittleren der fünf Kräfte oft als Einleitung zur Schauung geschildert ( M 19, M 28, A VIII/11, A III/128, A IV/12).
26. Die hier geschilderten vier Schauungen sin der Inbegriff des samādhi, der 8. Stufe des Heilsweges. Ihnen folgen die drei Wissen als 9. Stufe (rechte Erkenntnis). Alles auch in M 19.
27. "eignes Wohlbefinden in dieser Zeitlichkeit" = attāno dittha-dhamma-sukha-vihāra sampassamāno.
"Mitleid zu denen, die mir nachfolgen" = pacchimam janatam anukampamāno ( zu pacchima janata siehe auch M 83 und M 85).
28. Der Buddha ist frei von Reiz, Haß und Wahn (rāgo, doso, moho), wie auch in M 1. Das sind die 3 Grundübel. Doso bedeutet zweierlei: Haß und Fleck. Der obige Begriff der 16 Befleckungen (sandoso) nennt die zweite Bedeutung.

Thema: Wie überwindet man in der Einsamkeit die Angst?

1. Alle Furcht vor Gefahren (das ist Angst) kommt durch die Annahme eines Ich. Dieses Ich manifestiert sich in den Trieben. Die Triebe lassen sich in 16 Arten auffächern, und zwar: Die allgemein aus den Trieben resultierenden Taten (Rede, Handeln mit Wandel) und deren Planung (Geistestat), die 5 Hemmungen als Hindernisse für die Überwindung der Sinnenwahrnehmung, d.h. füe samādhi. Wer dann anfängt, samādhi zu erringen, der hat noch die Gefahr des Stolzes/Verachtung und die Gefahr des Zurückschreckens vor höherer Vertiefung zu überwinden. Als letztes sind dann die Hindernisse der 5 Kräfte zu überwinden, die Kräfte zur Erreichung des Nirvāna. So gibt es 16 Befleckungen: Vier innerhalb der Sinnenwelt als Tugend- und Erhellungshindernisse, fünf Haupthemmungen für die Brahmawelt, zuzüglich zwei sekundärer Hemmungen, schließlich 5 Triebe, die das höchste Wohl des Nirvāna verhindern und in denen alle anderen an sich einbegriffen sind, nämlich Weltglaube (Ehrgeiz), Stagnation, Bewegtheit, Abgelenktheit, Unweisheit.
2. Um zu erproben, ob die Furcht auch wirklich überwunden sei, begab sich der Bodhisattva in Ausnahmesituationen, in denen er über die normale innerweltliche Triebangst noch Geisterfurcht zu überwinden hatte: er ging nachts auf Friedhöfe - und bestand auch die dann noch aufkommende Furcht um das Ich. Er übersah nicht den Unterschied zwischen Tag und Nacht, er merkte eben, daß die Dunkelangst auch noch den ankommen kann, der sich tagsüber furchtfrei wähnt. Und nachdem er auch noch jene Dunkelangst überwand, da war er noch freier von Ichwahn, von der Verblendung (sammoho). Je selbstloser er so wurde, um so besser konnte er sich anderer annehmen. Statt die Geister zu fürchten, hatte er liebende Zuwendung (anu-kampa) zu ihnen.
3. Nachdem er so nach innen und außen die 5 Kräfte erworben und ihre Gegenteile überwunden hatt, nachdem er sich von den 16 Befleckungen völlig geläutert hatte und zum samādhi herangereift war, da erwirkte er die 4 Schauungen und die 3 Weisheitsdurchbrüche, wurde frei von Reiz, Haß und Verblendung. Nicht mehr für seine eignen Bedürfnisse suchte er nun die Waldeinsamkeit sondern aus Fürsorge für seinen Leib (Ruhe der Vertiefung) und aus Fürsorge für andere, die in der Einsamkeit noch zu kämpfen hatten.

5.) Unschuld (An-angana-suttaṃ)

Übersetzungen: 1) Dahlke, in: Buddha = NBZ Lenz 1921, S. 15-18, 2) Schmidt, und E 1957, S. 106, 3) Debes (? xxx)
Kommentare: a) Dahlke, aaO, S. 18-21, 2) Ladner, EInsicht, 1948, Heft 3, S 7-8, 3) Debes, WW 1984, S 66-92.

Personen:
1. Sāriputto, s. M 32
2. Mahāmoggallāno, s M 32
3. Samīti, Sohn eines Wagenbauers
4. Pandu-putto, Nacktbüßer, ehemaliger Wagner

Anmerkungen:
1. Schuld = anganam = Schmier, Fleck, Makel. EinSynonym für Trübung (kileso), ebenso wie san-doso in M 4. Das Herz ist nach der 4. Schauung an-anganam. Das Pāliwort für Schuld ist dagegen ina.
2. "Willen nicht beugen, nicht kämpfen, nicht die Kraft besitzen wird = na chandam janessati, na vāyamissati, na viriyam ārabhissati. Diese 3 Dinge werden ebenso bei allen 4 Kämpfen genannt, dort übersetzt positiv:"weckt den Willen, müht sich darum, mutig bestrebt" (M 141).
3. "mit Gier, mit Haß, mit Irre, mit Schuld beladen, unlauterren Herzens sterben" = sa-rāgo, sa-doso,sa-moho, s'angano, sankilittha-citto kālam karissati. Danach scheint angano ein Name für jede Art RDM, nach der Erwähnung hinter der 4. Schauung dagegen ein Name für alle Triebe außer die formhaften.
4. Die Schüssel voll Schmutz und Flecken = rajena, malena. Raja und malo sind weitere Synonyme auch für Herzenstrübungen (san-kilesa). So heißt es am Ende dieses Gleichnisses (wohin diese Anm? xxx und Anm. 57 zum Fünferbuch der Angereihten Sammlung (Nyanaponika)), die Schüssel werde noch schmutziger und fleckiger = sankilitthatarā, mala-ggahitā. Es sind 5 Namen für Unreinheit zu merken: rajas, malo, sandoso, angano, sankileso. Alle fünf nennen Herzenstrübungen. Das Gegenteil "blank und rein" = parisuddhatarā, pariyodatā.
5. "Blenden der Erscheinung bewegt" = subha-nimittam manasikarissati = auf schöne Gegenstände wird er die Aufmerksamkeit richten. Das Schöne aber läßt Gier (rāgo) im Herzen enstehen, dadurch Haß und Verblendung.
6. Bei der sauberen Schüssel heißt es ebenfalls, im Komparativ, sie werde schmutziger (sankilitthatarā), d.h. die Sauberkeit war nur relativ. Ebenso heißt es dann, die saubere könne noch blanker (Komparativ) werden: sie war also noch nicht völlig blank.
7. "Böse verderbliche Sinnesrichtungen" = pāpakānam a-kusalānam icchā-avacarānam = schlechte, unheilsame Verlangensrichtungen. Iccha = Verlangen, Wünschen. Pāp'iccha, wörtlich schlechtes Verlangen, bedeutet: Ehrgeiz, Anerkennungsbedürfnis. Alle folgenden 19 Tatbestände beziehen sich auf Ehrgeiz dieser Art. Dies ist jedoch keine Definition von anganam sondern der Ehrgeiz ist nur ein Beispielsfall dafür. In allen 19 Beispielen heißt es, dem Mönche komme etwas in den Sinn (iccham uppajjati = Wunsch steigt auf).
8. "erbittert und mißvergnügt" = kupito appatīto = !rgerlich und unwillig. Kopo und a-ppaccayo sind zwei Herzenstrübungen, beide der Hassenseite zugehörig, und entsprechende Seiten zu iccha. Kopo wird meist mit Verdrossenheit übersetzt, auch: Zorn (M 21, M 58), Galle (M 21), Entrüstung (M 21), Ärger (M 16), Unwillen (M 99), Drohen (M 86). Oft kommt die Dreiheit kopo, doso, appaccayo vor: M 15, 65, 79, 135. Kopo und appaccayo sind zwei Seiten von angana.
9. "Freund" = sa-ppati-puggalo = mit gegenüber Mensch = ein vergelichbarer, gleichstehender. Gegenteil: a-ppatipuggalo = ein nicht vergleichbarer Mensch (so wird oft der Buddha genannt: D 16 VI v; natthi te patipuggalo: M 26). Die Übersetzung "Fern stehender" ist genauer; das Gegenteil davon ist Gleichstehender.
10. "bei der Mahlzeit satt werden" = bhatt'agga bhuttavi anu-modeyya = nach Ende der Mahlzeit den Segensspruch sprechen (s. auch M 91). Der Wunsch, daß andere nicht satt werden mögen, kommt hier gar nicht vor.
11. "ungeschwächt zeigen und äußern"= a-pahina dissanti sūyanti = unverleugnet sehen und hören lassen der Triebe.
12. Waldeinsiedler und Landpilger werden auch in M 69 gegenübergestellt.
13. Gleichnis vom Aas s. auch M 20. "Widerwille, Ekel, Abscheu" = a-manāpatā, patikulyatā, jegucchtitā = das erste ist Gefühl, die beiden anderen Herzensregungen (Haß).
14. "Rille, Bug, Knoten" = vanka, jimha, dosa. Das sind Unebenheiten, Krummheiten, Fehler. Insbesondere doso ist dann auch Charakterfehler (sandoso: M 4).
15. "Wie aus dem Herzen heraus hobelt er mir" = hadayā hadayam, maññe,aññāya tacchati = im Herzen, das Herz kennend, mein ich, hobelt er. Hadaya ist das körperliche Herz, wird ebenso wie bei uns oft auch für die Seele (citta) gebraucht.
16. Die Zeichnung der Eigenschaften schlechter und guter Mönche findet sich ebenfalls in M 107 (ebenso übersetzt) und in A V/167 bezogen auf das Annehmen von Belehrung. Es sind drei Gruppen genannt:
17. Die erste Gruppe betrifft die falsche Richtung der Kräfte:
a. a-ssaddhā ("unwillig"), jivikatthā, na saddhā agārasmā anagāriyam pabbajitā
b. sathā, māyāvino, ketubhino (falsche Ruhe)
c. uddhata, unnalā, capalā, mukharā vikinna-vācā = aufgeregt, bewegt, geschäftig, redselig, geschwätzig (falsche Aktivität)
18. Die zweite Gruppe nennt das Fehlen von Übungen: Ohne Sinnenzügelung, ohne Maß beim Essen, ohne Wachsamkeit, gleichgültig gegen das Asketentum, ohne starken Ernst bei den Übungen ("lässig in den Ordenspflichten").
19. Die dritte Gruppe nennt das Fehlen der 5 Kräfte:
a. bāhulika, sāthalikā, okkamane pubbangamā, paviveka nikkhitta-dhurā (diese vier Dinge auch in M 3!)
b. kusitā hinaviriyā
c. muttha-ssati a-sampajānā
d. a-samāhitā vibhanta-cittā
e. dupaññā elamūgā
20. Diesen hat Sāriputto mit seiner Darstellung (dhamma-pariyāya, s. M 1) wie aus dem Herzen gehobelt: Die Schlechten freuen sich, wenn schlechte Eigenschaften anderer breit ausgemalt werden, besonders wenn es sich um eine bestimmte Art (Ehrgeiz) handelt, die sie selber nicht bei sich merken. Darüber vergessen sie ihre eignen Fehler.
21. Einige dieser schlechten Eigenschaften werden in bestimmter Zusammenstellung öfter genannt: A II/34, III/113, VI/46, VI/59, S 2,25; S 9,13, It 91 = S 22,80.
22. Die beiden "Großen" = mahā-nāgā = große Tiere, große Geister.
23. "ergetzen" = sam-anumodi = zusammen nach-freuen. Oben war von anumodi als Segensspruch nach dem Essen gesprochen (auch das ist Nach-freude).

Thema: Wie ist das richtige Verhalten des Wissens gegenüber dem Herzen?

1. Jemand ist im Herzen voller Triebe, voller Fehler und Flecken, aber er erkennt diese Triebe nicht als Fehler, bewertet sie nicht als negativ. Daher bekämpft er sie nicht und kann sie nicht überwinden, sondern er läßt sie gewähren. So wird er immer schmutziger, wie eine schmutzige Messingschüssel, die nicht benutzt und gesäubert sondern in den Winkel geworfen wird. Ein Beispiel für solche Triebe ist das Anerkennungsbedürfnis mit seiner Kehrseite, dem Ärger. Und ein Musterbeispiel für das Nichtkennen der Triebe sind jene Asketen, die voller Triebe stecken, nur gerade den Drang nach sozialer Anerkennung schwächer besitzen: Wird dieser Drang als Übel aufgezeigt, dann stimmen sie begeistert ein und merken überhaupt nicht, daß sie selber voller Triebe, nur anderer, sind. Indem sie die Triebe bei anderen kritisieren und bei sich übersehen, werden sie noch triebhafter und schmutziger.
2. Jemand ist ebenso voller Triebe, aber er verurteilt sie als übel. Da er im Geist das rechte Werturteil hat, wird er sie bekämpfen, wird die Mühe der Überwindung auf sich nehmen, den fruchtbaren Zwiespalt nicht scheuen. Wie eine schmutzige Schüssel durch Gebrauch und Säuberung fein wird, so wird sein Herz durch Umgang mit ihm und durch Läuterung rein, und er wird reiner sterben als er geboren war.
3. Jemand ist ganz frei von Anerkennungsbedürfnis und überhaupt mit wenig Trieben befleckt. Er ist dem samādhi, dem Herzensfriedne, daher nahe, ist selbstgenügsam, hat inneres Wohl. Wenn er diesen Schatz aber nicht als Schatz erkennt, so achtet er nicht auf dessen Erhaltung und Mehrung, sondern genießt nur die Ruhe. Dann aber werden ihn die schönen Gegenstände, die liebliche Außenseite der Sinnendinge, verführen: "Was schadet es schon, das Schöne zu betrachten?" sagt er sich. Und indem er geflissentlich auf den schönen Schein schaut, mehrt er mächtig sein Begehren, wird daher bei Nichterfüllung verärgert, sucht aus Verblendung immer mehr Gleißende, und so verliert er seinen Schatz, wie eine reine Schüssel, die unbenutzt in einen Winkel geworfen wird, schmutzig wird.
4. Jemand ist ebenso frei von sinnlichen Trieben nach außen, besitzt gewissen Herzensfrieden - und er kennt diesen Schatz, weiß um seinen Wert. So wird er innig bemüht sein, ihn zu erhalten und zu pflegen und dafür zu sorgen, daß er ihn nie wieder verlieren wird, so wie eine saubere Schüssel durch Gebrauch und Säuberung noch reiner wird.